Der Bekehrte aus Bayern
Angefangen hat alles, als ich noch klein war, sprich so ca. 3 Jahre. Bei uns zu Hause klingelte es an der Haustuer und da standen 2 Jehovah's Witnesses. Meine Mutter bat sie herein und liess sich ihr Anliegen erklaeren. Sie tat es in erster Linie aus Neugier, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie keine Ahnung davon, was die ZJ ueberhaupt wollen, denn es hiess immer nur "lass bloss die Tuer zu, wenn es schellt und 2 Leute davorstehen, dann ist der Verein der Halbdummen wieder unterwegs und damit gibt man sich nicht ab ...".
Haette sie doch bloss den wohlgemeinten Rat beherzigt! Doch es sollte anders kommen. Meine Mutter kaufte damals noch fuer 50 Pfennig pro Zeitschrift einen Wachtturm und einen Erwachet sowie fuer 5 Mark eine Bibel, denn wir besassen bis zu diesem Zeitpunkt keine. Sie machte mit den "Schwestern" einen Termin fuer die darauf folgende Woche - da auch mein Vater dabei sein sollte. In der Zeit bis dahin las sie die Zeitschriften und die NWT - mit leider nachhaltigen Folgen.
Nun kam also der Termin und mein Vater gesellte sich widerwillig dazu, denn er kam gerade von der Arbeit und hatte keine Zeit sich "vorzubereiten". Nun brachte man eine zweite Bibel, 2 "Vorsatz"-Buecher sowie fuer uns, damals noch 2 Kinder, je ein "Mein Buch mit biblischen Geschichten" mit. Also wieder 15 Mark. Man besprach dann das Thema im allgemeinen und begann das erste Kapitel im "Vorsatzbuch" mit meinen Eltern zu betrachten.
Los ging es damit, dass die eine Schwester zu Beginn des Studiums aus ihrer Tasche ein Kopftuch zog, bevor sie das Eroeffnungsgebet sprach und das Studium "leitete". (Eine Massgabe der WTS ist es, dass wenn Frauen ein Studium leiten, an dem ein Mann beteiligt ist, sie zur Einhaltung des biblischen Gebots, dass die Frau dem Mann untertan sein soll, als Zeichen der Unterordnung ein Kopftuch tragen muessen!) Man besprach in einer ebenfalls fast zweistuendigen Session das Thema "Wir sind in den Vorsatz eines liebevollen Schoepfers mit einbezogen".
Meine Mutter war derart angetan von der gesamten Thematik, dass sie meinen Vater zu einem festen Heimbibelstudium ueberreden konnte. Fuer uns Kinder wurde ein separater Termin mit "spezialisierten" Bruedern vereinbart, die mit uns 3x die Woche das "Geschichtenbuch" betrachten und uns mit den anderen Kindern aus der Versammlung vergesellschaften sollten.
Um uns die "Vorbereitung" auf den Stoff zu erleichtern - schliesslich konnten wir gerade einmal ein paar Buchstaben, die dazu reichten, unseren Namen zu schreiben und Mama und Papa - bekamen wir das Buch auf Kassette ausgeliehen. Diese Kassetten waren mit dem Text sowie einer beaengstigenden "Geraeuschkulisse" bespielt, die passend zu den Bildern gewaehlt war und diese erklaerte! (Ab da bekam ich ein kindliches Bild von Daemonen und eine panische Angst im Dunkeln zu schlafen!!!)
So kam dann also unser Termin und wir wurden zum "Studium" von einem jungen Ehepaar abgeholt. Das Studium fand bei ihnen zu Hause statt und das wie gesagt 3x die Woche. Man schlug damit direkt die Bruecke, uns mit in die Zusammenkuenfte zu nehmen. Meiner Mutter war ebenfalls daran gelegen, moeglichst jede Zusammenkunft zu besuchen. Leider ging das nicht lange gut, denn sie stoerte die Zusammenkunft immer mit Zwischenfragen - die leider nicht ins Programm passten!
Man wies sie also an, sich alles zu notieren und nach der Zusammenkunft zu fragen. Ausserdem setzte man sie nach ganz hinten neben die Schwester, die mit ihr studierte, um brennende Fragen sofort zu beantworten. Meinem Vater war es in der ganzen Zeit zum Glueck nur moeglich, zum Gedaechtnismahl und einem Tagessonderkongress zu kommen, da er sonst immer lange gearbeitet hat und so keine Zusammenkunft besuchen konnte - oder wollte ...
Naja, uns fiel es sehr schwer, erst den ganzen Nachmittag still zu sitzen und uns mit denen unterhalten zu muessen und dann abends oder vormittags noch mal 2 Stunden! Das war hart. Wenn man rumgebloedelt hat, dann hat es eins gegeben! Erst von denen! Und wenn man dann weinend zur Mama gerannt kam, gabs da auch noch eine!
"Kinder darf man sehen - aber nicht hoeren!" Das war das Motto meiner Mutter, und da sie mit sich selbst beschaeftigt war, hatte sie natuerlich keine Zeit fuer uns und war froh, uns bei den "lieben" Bruedern parken zu koennen! Naja, und so ging es bis ich 11 war. Mit meiner Mutter wurde das Studium nach ueber 5 Jahren "ergebnislos" eingestellt, denn sie konnte das Rauchen und ein paar andere weltliche Laster nicht lassen und so blieb sie bis zu ihrem Tod vor kurzem "freundschaftlich" mit der Versammlung als "Langzeitinteressierte" verbunden.
Mein Vater beendete sein "Studium" bereits wieder nach 4 Wochen, denn auch ihm "verbot" man das Rauchen sowie die Erfuellung seiner zu diesem Zeitpunkt letzten Reserveuebung bei der Bundeswehr. Wenn er tatsaechlich aufrichtig zu dieser Sache und Jehova eingestellt sei, dann wuerde er sofort gegen den "Marschbefehl" Einspruch einlegen und verweigern!
Ab da war Schicht im Schacht fuer die ZJ bei meinem Vater! Er stellte die Bedingung gegenueber meiner Mutter auf, dass wenn sie ihn mit dem Kram in Ruhe liesse, sie freie Hand haette bezueglich den ZJ, ihr und uns! Das wurde genutzt! Da sie ja klaeglich versagte, wurden wir - mittlerweile 3 Kinder - um so haerter in der "Wahrheit" erzogen! Was sie nicht schaffte, das machten die ZJ der oertlichen Versammlung. Und so vergingen die Jahre. Man ertrug im kindlichen Glauben, das Richtige zu tun, die Haenseleien, den Spott und die Schlaege der satanischen Kinder dieser Welt - einfach weil man sich auf die Seite und fuer Jehova einsetzte!
Andererseits kam dazu, dass wenn man bei denen (den ZJ) nicht spurte, es auch da Pruegel gab! Aber aus Gruenden, die die Sache mit sich brachte. Es war die Methode, uns zu "motivieren", denn es gab "Lernaufgaben", die gewissenhaft erfuellt werden mussten. So mussten wir beispielsweise ein Lied auswendiglernen, das da hiess "Bete Jehova in der Jugend an", oder wir mussten die Bibelbuecher der Reihe nach aufsagen koennen. Erst das AT, dann das NT und dann alle zusammen.
Ausserdem bekamen wir Bibelverse vorgesagt, die wir ebenfalls nach Ansage der Bibelstelle aufsagen mussten. Das erfolgte unter anderem auch in der Zusammenkunft. Dann hiess es ganz unvermittelt "... und der Der Bekehrte aus Bayern sagt uns jetzt, was in Sprueche 27:8 steht!" Dann kam das Mikrofon. So ging das! Naja, diese Art der "Unterweisung" machte einen weich und gefuegig und man machte aus Angst vor entsprechenden Konsequenzen selber Schritte sich "weiterzuentwickeln".
Mit 12 liess ich mich in die Theokratische Predigtdienstschule eintragen und mit 13 wurde ich "ungetaufter Verkuendiger". Mit 16 liess ich mich in Kaiserlautern auf dem Bezirkskongress im Fritz-Walther-Stadion taufen und "gab mich Jehova hin" (letztlich der WTS, aber das wusste ich erst Jahre spaeter). Ich entwickelte "theokratischen" Eifer, indem ich Dauer-Hilfspionier wurde. Ich bereitete mich extrem gruendlich auf die Zusammenkuenfte vor, um moeglichst viele und gute Antworten geben zu koennen. Ich wurde fanatisch!
Selbst in der Schule konfrontierte ich die Lehrer bei jeder Gelegenheit mit dem Thema, so dass nach einiger Zeit und zahllosen Gespraechen der Schule mit meiner Mutter ein Schulpsychologe sich meiner annahm - ohne Erfolg! In der Versammlung bekam ich "Aufgaben" wie den Mikrofondienst, das Vorlesen in den Zusammenkuenften sowie Darbietungen in der Dienstzusammenkunft!
Mit 18 wurde ich dann Dienstamtgehilfe und bekam weitere Vorrechte u. a. als Ordner auf Kongressen. Als ich dann mit 22 schliesslich Aeltester war, begann ich zu sehen, was fuer Fehler und Unschluessigkeiten die Lehre der WTS beinhaltete und extrem wurde es 2000, als eine gravierende Aenderung durch "neues Licht" in Bezug auf 1914 ("die Generation, die den Anfang gesehen hat, wird auch das Ende sehen") kam und mir ganz langsam bewusst wurde, das ist ein neuer Versuch (nach 1975) das Ende jetzt auf unbestimmte Zeit zu verschieben und offen zu lassen.
Ich musste Brueder und Schwestern, die deswegen extrem unangenehme Fragen stellten, zurechtweisen und abmahnen - doch warum? Ich hatte selbst keine Antwort! Als ich dann auch begann, oeffentlich zu hinterfragen, wurde ich in einer Aeltestenbesprechung als Unglaeubiger abgekanzelt, und wenn ich nicht umgehend auf Kurs kaeme, wuerden mir alle Dienstaemter aberkannt. Ich hinterfragte weiter und wurde aller Aemter enthoben, worauf ich mich zurueckzog. Ich war dann sieben Jahre "untaetig", bis ich mich entschloss, einen Schlussstrich unter die Sache zu setzen und alles von der anderen Seite aus aufzurollen!
Meine eine Schwester liess sich ein Jahr nach mir taufen und wurde kurze Zeit spaeter ausgeschlossen und meine andere Schwester ist bis heute eine Zeugin Jehovas ...
Der Bekehrte aus Bayern