Depressionen

von E. F.

Depressionen - und die wechselnden Ansichten der Wachtturm-Gesellschaft

Ende des Jahres 1991 wurde in der Schweiz im Rahmen einer Königreichsdienstschule, veranstaltet vom dortigen Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft im Auftrag der leitenden Körperschaft von Jehovas Zeugen und durchgeführt für Älteste, vom Leiter des damaligen Zweigkomitees unter anderem ein Vortrag über Depressionen und die Art der Behandlung durch die Ältesten in den Versammlungen gehalten. (In Deutschland gab es damals in den entsprechenden Schulungen andere Themen).

Während zuvor immer eine gewisse Skepsis, wenn nicht sogar Misstrauen, gegenüber Psychotherapeuten an der Tagesordnung war, hörte man hier plötzlich neue Töne. Man gab zu, dass es unter Jehovas Zeugen zahlreiche an Depressionen leidende Menschen gab; es war bekannt, dass in psychosomatischen Kliniken ständig Patienten zu finden sind, die sich zu Jehovas Zeugen bekennen. Man führte als Grund an, dass die Religion der Zeugen besonders auf Menschen anziehend wirke, die bereits unter Depressionen leiden.

Das mag sein; aber es ist nur ein Teil der Realität. Denn man sollte annehmen, dass die am Anfang dargebotene Nestwärme und vor allem das behauptete geistige Paradies zumindest keine Verschlimmerung depressiver Zustände bewirken dürften. Dennoch ist das der Fall; wenn die Nestwärme nach der Taufe durch die Anforderungen der Religion ersetzt oder zumindest verdrängt werden, steigern sich die Depressionen wieder, und es werden auch zahlreiche Menschen depressiv, die es vorher nie waren. Insoweit ist dieses geistige Paradies eine sehr bedenkliche Sache - wenn man es nicht nur als ein Placebo, als ein Trostpflästerchen für in ihren Erwartungen enttäuschte Gemüter betrachten will.

Die Schulungsveranstaltung

Es wurde den Ältesten gesagt, dass sie, wenn bei jemandem eine Depression länger als 5 Tage anhalten würde, dieser Person dringend nahelegen sollten, zu einem Arzt oder Therapeuten zu gehen. Sie selbst als Älteste seien keine Fachleute, hätten keine fachliche Kompetenz und sollten sich daher von medizinischen oder anderen Behandlungsratschlägen völlig zurückhalten. Dieser - vernünftige - Rat wurde sehr ausführlich begründet und - wie bei allen Vorträgen üblich, selbst wenn das Gegenteil gesagt worden wäre - mit Beifall bedacht. In schriftlicher Form habe ich jedoch diesen Vortrag in keiner Publikation gesehen. Er war eine Weisung an Älteste.

17 Jahre später

Inzwischen sind 17 Jahre vergangen, und man ist schon lange von der sachlichen und begründeten Ansicht von 1991 abgerückt. Als ich vorige Woche mit einem Ältesten über das Thema sprach, sagte mir dieser, dass die neuen Anweisungen auf Grund schlechter Erfahrungen (Verlassen der Organisation) ganz anders lauten würden. Auf keinen Fall solle man zu einem Besuch bei Ärzten oder Therapeuten ermuntern oder auffordern, auch wenn deren Inanspruchnahme nicht verboten ist.

Die Gründe: Man habe festgestellt, dass diese Leute sehr häufig die Religion als Ursache für die Depressionen bezeichnen würden. Als ich einwandte, dass es doch auch gläubige Ärzte und Therapeuten gäbe, die ihre Patienten auf christlicher Grundlage berieten, wurde diese Möglichkeit abgelehnt mit der Begründung, dass auch diese in der Religion der Zeugen Jehovas die Ursache für die vermehrten Depressionen sähen. Tatsächlich sind auch Fälle bekannt, in denen Menschen nach ihrer Trennung von den Zeugen Jehovas ihre Depressionen verloren oder davon geheilt wurden.

Ich fragte, was denn die Ältesten im Fall von Depressionen nun tun sollten, denn ihre Inkompetenz sei ja immer noch gegeben. Die Antwort war, dass sie angewiesen seien (oder dass man empfohlen habe), die Erkrankten auf Themen über Depressionen in der Zeitschrift "Erwachet" hinzuweisen, in denen gute Ratschläge gegeben würden. Da aber auch die Schreiber von diesen Artikeln keine Fachleute sein dürften, sondern ihre Artikel von anderer Seite erhielten oder sie auf Grund anderer Quellen zusammenstellten, ist das eine eigenartige Behandlungsmethode.

Eine Art Therapie in Selbstbedienung, eine Art Selbstbehandlung durch kranke Menschen. Die Ergebnisse - oder Nicht-Ergebnisse - kann man sich vorstellen. Aber es zeigt wieder einmal, dass die leitende Körperschaft ihre Autorität über die Menschen für wichtiger ansieht als deren fachgerechte Behandlung zu ihrer Gesundung, und dass sie nicht bereit ist, die ursächlichen Quellen für Depressionen in ihrer eigenen Organisation bzw. in ihren den Menschen auferlegten Lasten zu suchen.

Das Rezept "mehr Studium, mehr Zusammenkunftsbesuch, mehr Predigtdienst" - also in Wirklichkeit Erhöhung der Lasten - wird auch hier als Allheilmittel empfohlen. Aber bekanntlich heilt ein Rezept, das für alles gut sein soll, in aller Regel gar nichts; es verschlimmert nur noch. Kein Wunder, wenn dann ein Kreisaufseher anlässlich seines Besuchs meinte, die Zeugen müssten doch die glücklichsten Menschen sein; statt dessen hätten sie alle graue, freudlose Gesichter. Ja, da sind eben viele depressive Menschen, viele, die es auf Grund der neuen Einstellung der Organisation nicht einmal zugeben möchten, daß sie unter Depressionen leiden. (Wie elegant kann man das alles verpacken in vegetative Dystonie). Doch die Realität ist: viel mehr Gejammer als Lust, viele Griesgrämige, Kummervolle, Klagende, Murrende, Undankbare, Freudlose, keine Geisteschristen, sondern Regelchristen, Gesetzeschristen, die sich gegenseitig beobachten und kritisieren. Aber das stört nicht die großen Geister in Brooklyn. Wenn die Tatsachen ihren Theorien nicht entsprechen, um so schlimmer für die Tatsachen!

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