von E.F.
Vor einigen Tagen fragte ein Noch-Zeuge aus einem kleinen Nachbarland mit folgenden Worten bei mir an: "... gibt es unter all den Artikeln, die Du bisher verfasst hast, einen, der sich mit dem Thema Liebe auseinandersetzt? Liebe aus der Sicht der Bibel, aber auch das Thema Liebe, wie es vom Sklaven gedeutet und von den Zeugen gelebt und empfunden wird? Zum Beispiel denke ich heute, dass die Jehovah's Witnesses mehr durch Angst als durch Liebe geleitet und getrieben werden: Angst dem Sklaven nicht zu entsprechen, Angst, Jesus und Jehova nicht zu gefallen, Angst, das ewige Leben nicht zu verdienen, Angst vor den Bruedern und was sie ueber einen denken, Angst, Angst, Angst. Mir ist klar, dass das Thema Liebe ein sehr umfangreiches Thema ist, aber vielleicht gibt es einige Gedanken von Dir dazu. Wenn Du etwas dazu hast, wuerde mich das sehr interessieren."
Ich habe ihm daraufhin folgendes geschrieben, das vielleicht auch fuer Euch von Interesse sein mag:
Zu Deiner Anfrage ueber das Thema Liebe muss ich sagen, dass ich dazu noch nichts Eigenes geschrieben habe; ich scheute und scheue mich davor, zu versuchen, einen See mit einem Schoepfloeffel zu leeren; dazu kommt, dass viele kompetente Kommentatoren dazu ihre Ausfuehrungen geschrieben und veroeffentlicht haben. Das Thema Liebe durchzieht in Wort und Tat, aber auch im Geist die ganze Bibel, so dass schliesslich ein Paulus sagen konnte: "So ist nun die Liebe die Erfuellung des Gesetzes" (Roemer 13:10), und so hoffe ich, dass es auch in meinen verschiedenen Aufsaetzen direkt oder unterschwellig stets eingeschlossen war.
Doch ein paar grundsaetzliche Gedanken dazu, wie ich sie der Bibel entnehme, will ich hier schon anfuehren; anschliessend werde ich dann auch auf Deine Fragen die Zeugen betreffend zu antworten suchen.
Wenn wir bedenken und anerkennen, dass der Mensch im Bilde Gottes gestaltet wurde, von dem die Bibel sagt, dass er Liebe nicht nur habe, sondern Liebe sei, dann ist zu erwarten, dass Liebe in einem gewissen Ausmass auch der menschlichen Natur zugehoerig, die Liebesfaehigkeit dem Menschen angeboren ist. Sie ist eine menschliche, nicht nur eine christliche Eigenschaft. Wir sehen, dass Jesus den Heiden Liebesfaehigkeit zugesteht (Matthaeus 5:46); herausragend ist dabei sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter, aber auch die im Evangelium des Johannes, Kapitel 4, erwaehnte Samariterin zeigte im Anschluss an ihr Gespraech mit Jesus Naechstenliebe zu ihren Landsleuten, ohne Ruecksicht auf sich oder ihren Ruf (Verse 28-30). Auch die Moabiterin Ruth koennte man als Beispiel anfuehren (Ruth 2:11). Und es gibt noch viele Beispiele mehr.
Doch diese angeborene Liebesfaehigkeit kann durch Charakter, Erziehung und Belehrung, aeussere Einfluesse, Umwelt, Gruppendruck und andere Dinge gefoerdert, gleichsam zum Bluehen gebracht werden, aber sie kann auch verbogen, verdorben, abgetoetet, ja voellig zum Verschwinden gebracht werden. Der Geist der Welt und unsere Umwelt foerdert mehr die zweite Entwicklungsreihe. So war es nicht verwunderlich, dass Gott im Gesetz die Israeliten nicht nur an diese ihre Faehigkeit erinnerte, sondern ihnen sogar gebot: "du ... sollst Deinen Naechsten lieben wie dich selbst" (3.Mose 19:18). Gott forderte hier vom Menschen nichts Unmoegliches, aber etwas, was dem normalen Menschen von gestern und heute sehr gegen den Strich geht, und es gab daher auch immer Bestrebungen, diese Liebe zu normen, zu kanalisieren, zu reglementieren und zu beschraenken, statt sie wie eine wohltaetige Erfrischung verstroemen zu lassen. Die Frage des Pharisaeers in Lukas 10:29 ist bezeichnend; er moechte Regeln, um dem Kernproblem auszuweichen.
Das Gebot, den Naechsten zu lieben wie sich selbst, zeigt aber noch etwas anderes. Es zeigt, dass eine gesunde und ausgeglichene Liebe zu sich selbst durchaus angebracht ist. Die Bibel macht deutlich, dass wir ein angemessenes Selbstwertgefuehl als Kinder Gottes, als Menschen mit Wuerde haben duerfen und sollen. Sie sagt zum Beispiel, dass Christen nicht hoeher von sich denken sollen, als zu denken angebracht ist (Roemer 12:3); aber auch nicht weniger. In Ehrerbietung soll einer dem anderen vorangehen (Roemer 12:10); das heisst, die Wuerde des anderen achten, sein Selbstwertgefuehl beachten. Doch ist, wie zahlreiche Aussagen der Schrift bestaetigen, Hochmut und Ueberheblichkeit, Anmassung und Selbstueberschaetzung genau so unangebracht und zurueckzuweisen - sie fuehren nur zu krassem Egoismus - wie die Einstellung von bedauernswerten Menschen, die sich selbst keinerlei Wert zumessen, sich als wertlos und nicht beachtenswert ansehen und dadurch in aller Regel in Depressionen fallen; dazu haben sie keinen Grund. Gott beachtet sie, und er hat seinen Sohn fuer sie gesandt. Deshalb sollten solche Menschen lernen, wieder ihren Eigenwert zu entdecken. Die richtige Einstellung zu dem Gebot, andere wie sich selbst zu lieben, hilft uns, einen ausgeglichenen Standpunkt einzunehmen hinsichtlich der Liebe zu sich selbst wie auch in der Liebe zu unserem Naechsten.
Diese Liebe gibt es unter den Menschen und wird auch von vielen praktiziert, obwohl sie durch die zahlreichen Regeln und Vorschriften, Einengungen und Bevormundungen zu einem schwachen Abbild dessen gemacht wurde, was Gott eigentlich vorgesehen hatte. Jesu Worte an die Pharisaeer bei zahlreichen Gelegenheiten zeigen, wie er von der Froemmelei beruehrt wurde, welche der wirklichen Naechstenliebe entgegenstand und nur Herzenshaerte bzw. Lieblosigkeit verbarg (Markus 3:5; Matthaeus 9:13 und12:7). Und dieses Problem besteht auch heute noch, und oftmals besonders unter Frommen und religioesen Eiferern und Eliten bzw. solchen, die sich dafuer halten.
Ist aber christliche Liebe nicht etwas anderes? Ja, sie ist mehr! Jesus machte dies deutlich, als er sogar die Feindesliebe in den Raum der christlichen Liebe aufnahm. Den Grundsatz dazu aeusserte er in Matthaeus 5:44-48. Dieser Grundsatz, den er in Lukas 6:27-30 und an anderen Stellen noch ergaenzte, fordert von Menschen etwas, was meiner Meinung nach ueber die menschliche Natur hinausgeht; es ist eine Liebe, die durch Gottes Geist gewirkt wird; sie orientiert sich am Beispiel unseres himmlischen Vaters und am Beispiel seines Sohnes, und deshalb sind auch ihre Wurzeln bei ihnen zu finden (Galater 5:22; Roemer 5:7-8). Diesen Beispielen zu folgen, ist nur moeglich durch die Kraft, die von Gott her kommt. Aus diesem Grund spricht Jesus auch von einem neuen Gebot, das er seinen Juengern gab (Johannes 13:34), weil dieses Gebot viel umfassender war als das Gesetzesgebot der Naechstenliebe. Die Juenger sollten im Rahmen ihres Lebens seinem Beispiel der Liebe folgen. Er stillte nicht nur die Beduerfnisse seiner Juenger, sondern seine Liebe war eine opferbereite Liebe, die letztlich bis zu seinem Tod fuehrte. Sie schliesst Vergebungsbereitschaft und christlichen Wandel ein (Epheser 4:32; 5:2) und die Bereitwilligkeit, sein Leben fuer andere einzusetzen, das heisst etwas fuer andere zu tun (Johannes 1513).
Auch ein Paulus sieht die Liebe so; er sagt ganz klar: "Die Liebe Christi treibt uns ... (2.Korinther 5:14). Diese Liebe sollte im Leben eines Christen spuerbar werden; Paulus gibt dazu einige Merkmale an, z.B. in Roemer 12:9, wo er sagt, dass die Liebe ungeheuchelt sei. Das gilt natuerlich fuer jede Art von Liebe, aber wenn Paulus das auffuehrt unter den Merkmalen eines echten Glaubens, dann setzt er das Wissen voraus, woher und wohin die christliche Liebe kommt und zielt, naemlich von der Barmherzigkeit Gottes und nach der Barmherzigkeit fuer alle Menschen. Sie soll ungeheuchelt sein. Paulus weiss um die Gefahr, dass die Liebe sich in blossem christlichen Gehabe erschoepfen kann. Wenn sie nur noch gespielt wird im Zusammenleben, wenn sie nur noch Maske ist, dann ist das nicht mehr die Frucht des Geistes; dann ruht sie auch nicht mehr in der Liebe zu Christus (1.Korinther 16:22). Und trotz haeufigem Anschein des Gegenteils ist die christliche Liebe nicht trennbar in dem Sinne, dass man Liebe in Wort und Liebe in der Tat unterscheidet. Johannes, der in seinem ersten Brief so viel ueber die christliche Liebe schreibt, macht deutlich in Kapitel 3:15-18: Lieben in Tat und Wahrheit. Johannes spricht davon - von der Liebe Gottes in uns. Diese Liebe umfasst Wort und Tat; sie laesst unser Herz ueberlaufen von der Botschaft Christi, zeigt aber auch deutlich, dass sie auch immer einen sozialen Aspekt hat, immer fuer Arme und Schwache im Rahmen der Moeglichkeiten jedes einzelnen da ist (Jakobus 2:2-8). Liebe, das koenigliche Gesetz! Sie ist des Gesetzes Erfuellung, sein Ziel! (Roemer 13:10). Und darum gibt es gegen Liebe auch kein Gesetz (Galater 5:23). Deshalb sollte auch jeder Christ frei nach seinem Gewissen (Roemer 14:23) seine christliche Liebe ausleben duerfen und nicht durch Vorschriften, Anweisungen und Vorgaben daran gehindert werden. Zwar kann es geschehen, dass wir, wenn wir christliche Liebe bekunden, auch einmal enttaeuscht werden; wir koennen uns auch selbst taeuschen darin, ob und in welcher Weise wir in bestimmten Faellen Liebe ueben sollten. Aber das waeren jedenfalls unsere Entscheidungen, und wir haetten darin Gott und den Herrn geehrt. Es gaebe dazu noch vieles zu sagen, doch mag das hier genuegen.
Wie wird jedoch das Thema Liebe von der leitenden Koerperschaft der Jehovah's Witnesses gelehrt und gehandhabt? Auch sie schreibt in ihren Publikationen viel von Liebe, laesst Vortraege darueber halten, und vieles davon klingt auch gut. Doch sollten wir ja die Nachfolger Jesu an ihren Fruechten erkennen. Wie sieht das also in der Praxis aus? Unter Jehovas Zeugen gibt es genau so Menschen, die anderen von Herzen Gutes tun moechten, wie anderswo. Doch wie wird ihr Beduerfnis in dieser Hinsicht gelenkt, gesteuert? Denn das beeinflusst schliesslich ihr ganzes Verhalten gegenueber Aussenstehenden und Gesellschaft.
Man hat Jehovas Zeugen beigebracht, davon ueberzeugt, ja ihnen richtiggehend eingehaemmert durch bestaendige Wiederholung, dass sie ihre Liebe zum Naechsten zum Ausdruck bringen in Form ihres Predigtdienstes, und dass dies die von Gott als dringlich angesehene Art von Naechstenliebe sei. Jedes andere Werk, auch jedes Werk der Naechstenliebe, muesse dagegen zurueckstehen. Es wurde haeufig das Beispiel erwaehnt in Ansprachen und dann auch im Predigtdienst, dass man Menschen in einem brennenden Haus dort zu ihrer Rettung herausholen muesse; das sei wichtig, nicht dagegen, ihnen eine Suppe zu kochen, weil sie hungrig seien. Das Beispiel ueberzeugte. Allerdings brennt das Haus jetzt schon ueber 100 Jahre, die Menschen leben immer noch darin, und man haette viel Zeit gehabt, Suppe zu kochen, Hungrige zu speisen oder andere gute Werke zu tun. Doch ist es mit dieser Haltung gelungen, unter den Zeugen eine Art von Schmalspurliebe durchzusetzen. Und wenn man finanzielle Mittel hat - seien diese auch gering -, so wird man ermuntert, diese der Organisation fuer das weltweite Werk und seine Kosten zur Verfuegung zu stellen - was die Moeglichkeit guter Werke fuer Arme und Beduerftige einschraenkt -, und natuerlich soll man seine freie Zeit dem Predigen widmen, was die gleiche Wirkung hat.
In der Praxis fuehrt dies dazu, dass die Unterstuetzung karitativer Organisationen nicht gefoerdert wird, besonders, wenn diese religioesen Ursprungs sind. Denn man wuerde dann ja "Babylon die Grosse" - so werden alle Religionen ausserhalb der Zeugenreihen genannt - unterstuetzen. Selbst das freiwillige Geben von materieller Unterstuetzung versucht man zu reglementieren. Es gab zum Beispiel in Faellen von Naturkatastrophen Sammlungen von Geld und Gaben; aber diese Sammlungen durften nur ueber die Organisation geleitet werden; diese bestimmte auch, welche Zweigbueros in ihren Gebieten (Laendern oder Territorien) zu sammeln hatten, und sie bestimmte auch das zeitliche Ende der Sammlungen. Das war voellig unabhaengig von anderen Hilfseinrichtungen und unabhaengig von der realen Hilfsbeduerftigkeit der Menschen vor Ort. Die Organisation regelt und beistimmt alles. Dazu kommt ja noch, dass immer wieder gesagt wird, man solle den Kontakt mit den so genannten Weltmenschen meiden und auf den Predigtdienst oder - notgedrungen - auf Schule und Beruf beschraenken. Das foerdert bestimmt nicht das spontane Tun des Guten; man wird mehr an das Verhalten des Priesters und des Leviten im Gleichnis Jesu ueber den guten Samariter erinnert; die Liebe wird geregelt, kanalisiert; aus einem Strom wird ein Kanaelchen.
Auch die oertlichen Versammlungen werden keinerlei materielle Hilfe an Beduerftige leisten, auch nicht innerhalb der Gemeinschaft; das ist ihnen nicht erlaubt. Natuerlich ist es nicht offiziell verboten, privat anderen zu helfen, aber wessen Blick staendig auf den Predigtdienst und auf die finanzielle Beduerftigkeit der Organisation gerichtet wird, der bemerkt oft nicht einmal mehr, wo Menschen in Not sind. Und in den Versammlungen hoert man ja nur bestaendig, dass Liebe und Hilfe fuer Aussenstehende im Predigen bestehen. Wenn es trotzdem einzelne Zeugen gibt, die, von ihrem Herzen gedraengt, Gutes tun, dann tun sie das trotz der Anweisungen der Organisation, nicht etwa wegen deren Ansporn dazu.
Es gibt seit einiger Zeit auch eine Art von karitativer Abteilung in der Organisation; ein Christliches Humanitaeres Hilfswerk der Jehovah's Witnesses in Deutschland; es ist aber den einzelnen Zeugen kaum bekannt (ob es in anderen Laendern Entsprechendes gibt, ist ebenfalls nicht allgemein bekannt). Wenn das nicht nur ein optisches Feigenblatt sein soll? Ich habe weder in meinem persoenlichen Erfahrungsumfeld noch durch nachweislich dokumentierte Berichte etwas von einer Aktivitaet dieser Gruppierung auf karitativer Grundlage gehoert. Auf jeden Fall ist auch in diesem sozialen Bereich die deutliche Absicht der Kontrolle, Leitung und Steuerung zu erkennen. Die Organisation bestimmt, wo, wie und in welchem Umfang und Ausmass "Liebe praktiziert" wird. Das geht so weit, dass sie ihre unchristlichen Gemeinschaftsentzugsverfahren mit den lieblosen Folgen als eine liebevolle Vorkehrung bezeichnet. Von dem hellen Licht christlicher Naechstenliebe ist hier hoechstens ein kleiner Kerzenstummel uebriggeblieben, ein Hindenburglichtchen, wie man in Kriegszeiten sagte.
Auch von der Beteiligung an freiwilligen Gemeinschaftsaufgaben gemeindlicher oder anderer Art wie zum Beispiel Umweltaufgaben, Naturschutz und aehnlichen Dingen wird deutlich abgeraten, und erst recht natuerlich von Mitgliedschaften in Hobbyvereinen oder aehnlichem; denn das waere ja Zeitvergeudung. Zeit, die doch "Gott" gehoeren sollte. Schliesslich geht dieses Weltsystem ohnehin zu Grunde, ist nicht zu reparieren (eigentlich muesste es nach der frueheren Lehre des faithful and discreet slave schon seit Jahrzehnten verschwunden sein), und das Predigen und der Vollzeitdienst - Arbeiten fuer die Organisation - sind nicht nur wichtiger, sondern Auftrag Gottes. Und wer darueber Bescheid weiss, wie Jehovas Zeugen belehrt wurden und werden, Ratschlaege der Organisation anzusehen als von Gott kommend und sie zu beachten, dann ist die Haltung der Zeugen abzusehen. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, noch weitere Beispiele anzufuehren oder mit den Wachtturm-Schriften zu belegen.
Der weitere angesprochen Punkt war der, ob Jehovas Zeugen mehr durch Angst als durch Liebe geleitet und getrieben werden, Angst, dem Sklaven nicht zu entsprechen, Angst, Jesus und Jehova nicht zu gefallen, Angst, das ewige Leben nicht zu verdienen, Angst vor den Bruedern, was sie ueber einen denken moegen, Angst, Angst, Angst!
Ohne hier quantifizieren zu wollen - ueber die Art der Liebe in der Organisation haben wir ja schon gesprochen - muss diese Aussage leider bejaht werden. Doch sind diese Aengste von besonderer Art. Sie sind nicht vergleichbar etwa der Angst, wenn jemand durch ein unsicheres Viertel geht, sich allein im dunklen Wald befindet, wenn jemand bedroht wird oder in akuter Gefahr ist durch physische Gewalt, wie das in manchen religioesen Gruppierungen der Fall sein soll. Nein, die meisten gehen gern in die Zusammenkuenfte, halten das dort Gebotene fuer "Speise zur rechten Zeit", ueberlassen sich voellig der Leitung des Sklaven mit einem Gefuehl der Sicherheit. Doch irgendwann treten Probleme auf; dafuer hat natuerlich der Sklave auch einen Rat bereit: "Wenn du etwas nicht verstehst, dann gehorche einfach". Aber es laesst sich nicht aus der Welt schaffen, dass Zweifel, Kritik oder sogar Widerspruch aufkommen koennen.
Einige reagieren wunschgemaess, verdraengen alle unbequemen Fragen und folgen dem Sklaven, wohin er geht. Aber bei anderen ruehrt sich das Gewissen, meldet sich der Verstand, ruehrt sich Schuldbewusstsein. Doch man weiss, dass solche Gefuehle - so wurde ihnen gesagt - satanische Eigenschaften sind, Stolz und Unabhaengigkeitsstreben im Denken und Handeln, Verlangen nach Entscheidungsfreiheit. In aller Regel werden solche Gedanken verursacht durch die absolute Gehorsamsforderung der Organisation, ihre Regelungssucht bis in die Familie hinein (das 2008 veroeffentlichte Buch "Bewahrt euch in Gottes Liebe" ist voll solcher Anweisungen und Regeln, die als goettliche Normen verstanden werden sollen), ihre jedem christlichen Gefuehl widersprechenden Anweisungen fuer die Behandlung Ehemaliger usw. Und sie merken, dass sie Schwierigkeiten bekommen, wenn sie sagen, was sie denken.
Da die Organisation sich immer dargestellt hat als eine Art Rettungsboot, glauben viele, Rettung sei nur in ihrer Mitte moeglich. Sie sei von Jesus direkt beauftragt. Wenn nun jemand anfaengt, eigene Gedanken zu haben, tritt Angst auf, Angst und Schuldbewusstsein. Andere moegen dieses Stadium bereits ueberschritten haben. Aber sie haben Angst vor Massnahmen der Versammlung bis hin zum Gemeinschaftsentzug und damit verbundener Isolation in ihrem bisherigen und oft genug einzigen sozialen Umfeld. Und die meisten Zeugen wuerden aus Gehorsam gegenueber dem Sklaven alle Beziehungen zu einer solchen Person abbrechen.
Das kann Angst machen, ist ein massives Druckmittel. Das ist hier keine Anklage gegen die einzelnen Zeugen; sie handeln im Glauben, dass Gott es so will (uebrigens riefen auch die Kirchenglaeubigen im Mittelalter und in der Neuzeit, wenn sie Menschen zu den Scheiterhaufen fuehrten: "Gott will es!"). Dann muss man auch daran denken, dass sich die Organisation zum Richter an Christi Stelle machte, indem sie den Gedanken vermittelte, wer sie verlasse oder wer ausgeschlossen wuerde, habe sein ewiges Leben verloren (es sei denn, er oder sie kaeme zurueck). Das Leben ist also vom Sklaven und der Zugehoerigkeit zu ihm abhaengig, nicht mehr von Jesus und der Zugehoerigkeit zu ihm allein.
Wer von einem solchen Sklaven versklavt ist, hat Grund zur Angst. Jesus ist der einzige Herr, vor dem wir uns nicht aengstigen muessen, trotz unserer Fehler und unseres Versagen (Matthaeus 11:28) . Er - nur er - macht wirklich frei (Johannes 8:31-32). Und in seiner Hand sind wir geborgen (Johannes 10:28). Bei ihm koennen wir erleben, was es heisst: "Furcht ist nicht in der Liebe ... denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun (1.Johannes 4:18). Hier ist nicht von Gottesfurcht die Rede, sondern von einer Furcht, die an Angst grenzt. Dagegen steht das von Johannes in seinem ganzen ersten Brief gleichsam angestimmte Hohelied der Liebe - auch von Paulus in 1.Korinther 13 - getragen von dem Vertrauen, dass wir Jesus gegenueber freiwillig bekunden.
Der Sklave fordert dieses Vertrauen, aber das Hoechste, was er erreicht, sind Lippenbekenntnisse, die bei vielen nicht (mehr) aus dem Herzen kommen. Er hat nicht die natuerliche Autoritaet eines liebevollen, Freiheit gewaehrenden Herrn, sondern ist lediglich autoritaer und sich selbstverherrlichend. Man kann nur hoffen, dass noch zahlreiche Zeugen zu dem Herrn Jesus finden, dessen Autoritaet sich der Sklave mit seiner leitenden Koerperschaft anmasst. Denn Paulus sagte: "Ihr seid um einen Preis erkauft. Werdet nicht Sklaven von Menschen" (1.Korinther 7:23).