Jehovah's Witnesses lehren, der Mensch habe keine Seele. Vielmehr sei er eine Seele. Diesen Widerspruch in sich - eine seelenlose Seele - schoepfen sie aus der Bibelstelle 1. Mose 2,7:
Mit einer solchen Lehre stuetzt der Wachtturm die hauseigene These, dass nach dem Tod nichts ist und erst mit dem grossen Tag der Abrechnung die Menschen quasi durch einen Akt der Neuschoepfung aus der Erinnerung Gottes wiedererschaffen werden. Der erzielte Effekt ist ein Lebensgefuehl der Jehovah's Witnesses, das nicht auf ein Leben nach dem Tod zielt, sondern auf ein Paradies, in das sie wie Fische ins Aquarium gesetzt werden. Die Wachtturm-Vision geht in Richtung heile Welt, deren Werdung den Wachtturm-Forschern nicht unbekannt, sondern in allen Einzelheiten der Erkenntnis des Menschen verfuegbar ist. Mit dieser Verfuegbarmachung der weitesten Zukunft - dadurch dass die Wachtturmschreiber alles genau durchschaut haben - entfaellt fuer die Jehovah's Witnesses die Unsicherheit, die allen Menschen eigen ist, wenn ihnen etwas unbekannt ist. Die komplette Angstfaehigkeit der Jehovah's Witnesses kann nun ganz und gar auf Harmagedon konzentriert werden.
Mit der Entfernung der Seele aus dem Selbstverstaendnis des Menschen macht die Watchtower Society aus ihren Gefolgsleuten Figuren, denen im Grunde das Ureigenste fehlt. Der Kern, der vor Gott und den Menschen unverwechselbar ist, faellt weg und laesst ein Koerper-Geist-Wesen uebrig, das nicht viel mehr ist als eine intelligente Maschine. Diese Nivellierung der inneren
Unterschiedlichkeit wird folgerichtig mit einer von der Watchtower Society empfohlenen uniformierten Bekleidung unterstrichen. Aus dieser Grundsituation der Jehovah's Witnesses heraus zieht dann auch nichts mehr in ein individuelles Verbundensein mit Gott, sondern nur noch in das Einordnen und Anpassen in eine grosse Legion von soldatenhaften Predigtdienstlern. Der Zeuge bekommt dann auch immer wieder erzaehlt, dass er doch wer weiss wie viele Freunde auf der ganzen Welt habe und gar keine persoenlichen Freunde brauche.
Merkwuerdig ist, dass diese Millionen Freunde sich gegenseitig aeusserst misstrauisch bespitzeln und jede Abweichung von der Soldatengleichheit den Aeltesten und Vorstehern melden. Merkwuerdig ist auch, dass diese Millionen Freunde sich von jetzt auf gleich nicht mehr kennen, wenn es die Fuehrung dieser Religion verlangt. Dies geschieht immer ohne eine Begruendung und ohne ein oeffentliches Verfahren. In den Praktiken der Machtanwendung durch Bespitzelung und Gemeinschaftsentzug entfaltet die Watchtower Society nachdruecklich das Bild vom seelenlosen Menschen. Denn was hilft es, wenn man etwas als Lehre verbreitet, es aber an den Glaeubigen nicht vollstreckt? So verlangt sie von ihren Anhaengern, alle seelischen Regungen wegzustecken und den Anordnungen immer und unter allen Umstaenden zu gehorchen.
Wie kommt es aber, dass der Gemeinschaftsentzug diese seelenlosen Seelen so leiden laesst? Leidet der Koerper, leidet der Geist? Bei den Nazis war es Sitte, den Abtruennigen einfach eine Pistole zu uebergeben, damit sie sich selbst entleiben konnten. Das entspricht ganz konsequent der Lehre vom seelenlosen Menschen. Bei den Jehovah's Witnesses werden die Abtruennigen gequaelt. Sie sollen durch diese Quaelerei wieder auf Linientreue gebracht werden. Nur die Rueckkehr in Reih und Glied kann diesen abtruennigen Robotern dann noch helfen.
Fragwuerdig bleibt allerdings, welcher Bestandteil des Zeugen unter dieser Quaelerei leiden kann, wo er doch keine Seele hat! Dem Koerper wird Gemeinschaftsentzug nicht wehtun. Dem Geist macht er vielleicht Aerger oder Zorn. Aber was wird so verletzt durch die disziplinierenden Massnahmen der Zeugen-Aeltesten?
Durch die Lehre, der Mensch habe keine Seele, vermeidet die Religion des Wachtturm auch die Seelsorge. Die Seelsorge waere fuer die theokratische Kriegsfuehrung viel zu gefaehrlich, weil bei der Seelsorge der Umsorgte all seine Bedenken und Noete vor dem andern ausbreiten koennte. Die Seelsorge waere fuer die Organisation der Kriegstheokratie Jehovas eine Keimzelle des eigenen Denkens. Eine direkte Zuwendung waere fuer den Jehovah's Witnesses ein ganz neues Erlebnis und wuerde moeglicherweise Daemme aufbrechen lassen und all jene vernachlaessigten Gebiete auf seelischer Ebene ans Tageslicht bringen. Dies ist unbedingt zu vermeiden, wenn die Watchtower Society ihre geistige Macht erhalten will.
Seelsorge waere aeusserst kontraproduktiv fuer die Wachtturm-Theokratie. Deswegen muss die Seele als Teil des Menschen verschwinden. Auf diese Weise kann der Wachtturm seine Hefte und Buecher als "gute Speise zu rechten Zeit" einsetzen und muss nicht damit rechnen, dass neben den Infiltrationspublikationen etwas Eigenes unter der Soldatenschaft gedeiht. Mit der Fokussierung der Wachtturmliteratur als das einzig Zulaessige im Geist eines Jehovah's Witnesses haelt die Watchtower Society alle Macht in einer wohlkontrollierten Form. Eine eigene Seele wuerde diese Kontrolle nur unnoetig torpedieren.
Die Geist-Koerper-Maschine, Zeuge Jehovas, freigemacht von jeder Seele, ist die leistungsstaerkste Menschenapparatur fuer eine grosse Organisation. Es entfallen seelische Krankheiten und Beschwernisse, auf die man Ruecksicht nehmen muesste. Gewissensbisse, ob man wirklich die richtige Lehre an den Haustueren anbietet, werden weitgehend betaeubt oder ganz ausgeschaltet. Wenn der Zeuge nicht mehr funktioniert, hat er automatisch selber Schuld und kann niemanden verantworltich machen ausser sich selbst. Er ist dann nicht mehr "in der Wahrheit" und hat die Konsequenzen zu tragen. Tod in Harmagedon und Gemeinschaftsentzug.
Unter dem Blickwinkel der Seelenlosigkeit gewinnen Aspekte wie Aktivismus, geschaeftsmaessiger Eifer, handwerkliche Ausrichtung und stumpfes Vorwaertsschreiten an Sinn. Der Zeuge Jehovas muss nicht mehr sein Gewissen befragen, ob er Gott gefunden hat oder nicht, sondern er braucht nur noch der in unserer menschlichen Gesellschaft so tief verankerten Attituede des Leistens und der Arbeit zu folgen. Der Gradmesser des Glaubens ist dann nicht mehr die Glaubensreinheit und Herzenshaltung, sondern nur noch die "Ausuebung des Glaubens". Der Zeuge gewinnt dadurch die Moeglichkeit, "sich zusammen zu reissen" und mit zugekniffenen Augen durchzuhalten. Dass er aber nur menschliche Mechanismen damit erfuellt und meilenweit vom Glauben an Gott entfernt ist, merkt er nicht.
So sind bei den Jehovah's Witnesses gerade jene Geist-Koerper-Menschen besonders anerkannt und selbstsicher, die eine gehobene Stellung in der Gemeinschaft innehaben. Um diese gehobene Stellung zu erreichen, leisten die Unteren so viel Predigtdienst wie sie nur koennen, nicht wissend, dass man mit so etwas die Suendenvergebung gar nicht erreichen kann. Um in die oberen Sphaeren der Zeugengemeinschaft aufzusteigen, beuten sie sich selbst so hart wie moeglich fuer die Watchtower Society aus, bis sie merken, dass sie entweder vor die Hunde gehen oder ihre Aufstiegstraeume fahren lassen muessen.
Menschen, fuer die sich aus Strebsamkeit und Eifer das Lob bei Gott ergibt, existieren auch in anderen religioesen Gemeinschaften. Doch ist dieser Glaubenstyp gerade wegen der angeblichen Seelenlosigkeit der Jehovah's Witnesses so gehaeuft im Koenigreichsaal anzutreffen. Dort ist das menschliche Leistungsprinzip auf geistliche Hoehen erhoben worden und man hoert Jehova regelrecht, wie er ruft: "Ihr koennt sein wie Gott!" Genau hier greift die naechste Komponente der Wachtturm-Theologie ein: Man muss nach Vollkommenheit streben. Das ist der Weg des Wachtturm, nicht Jesus ist der Weg, sondern das Tun und Schaffen des seelenlosen Menschen.
Die Bibel berichtet uns, dass wir Vollkommenheit vollumfaenglich von Jesus selbst geschenkt bekommen muessen! Wir selbst koennen nichts daran drehen und wenden. Wir muessen das Hochzeitsgewand aus seiner Hand empfangen und haben somit vor Gott und den Menschen keinen Grund zum Selbst-Ruehmen.
Jesus warnt uns eindringlich vor geschaeftigem Aktivismus, den wir in der Hoffnung auf selbstgebackene Vollkommenheit ausueben! Matthaeus 22, 1-14
So wird jeder Religionist, der versucht, sich mit seiner selbstgestrickten Vollkommenheit einzuschleichen, entlarvt werden. Menschliche Werte zaehlen vor Gott nichts! Deswegen muessen wir uns von Jesus selbst mit einem neuen Gewand beschenken lassen.
Die Wachtturmlehre der Seelenlosigkeit hat sehr viele wachtturmnuetzliche Effekte, aber keine, die den Jehovah's Witnesses nuetzen. Ohne diese Lehre haette es die Watchtower Society ungleich schwerer, ihre Leute zu kontrollieren und in Schach zu halten. Diese Lehre vom Menschen ohne Seele ist der Pragmatismus eines Zeitungsverlages, der ueber die Religionsschiene verschiedene Ziele verfolgt: Geld, Immobilien, Macht und auf lange Sicht so etwas wie die Weltherrschaft unter der Diktion eines auf der Erde nicht anwesenden und damit wieder nicht erlebbaren Jesus.