von "Unbekannt"
Es gab im Gleichnis noch einen zweiten Sohn, unter dem Jesus die Pharisaeer und Schriftgelehrten die Selbstgerechten (Lukas 18:9) ansprach. Dieser Sohn hatte das Vaterhaus nie verlassen; er war immer eng am religioesen Dienst, an seinen Vorschriften und Weisungen geblieben, immer unterworfen unter das Gesetz. Darin wirkte und lebte er. Er kam auch jetzt sozusagen vom Feld, er hatte »Felddienst« verrichtet.
Dennoch ist auch er ein »verlorener Sohn«, ja hoffnungsloser als sein Bruder! Warum?
Er kennt die Gnade nicht! Er meint, sich die Liebe des Vaters erarbeiten zu muessen durch Leistung. Haette man ihm gesagt: Dein Vater will nicht nur Pflichterfuellung, er moechte deine Liebe, dein Herz, dann haette er moeglicherweise geantwortet: "Was soll das! Ich muss auf den Acker, das Feld!" Andere wuerden vielleicht sagen: "Was soll das? Ich muss predigen! Meine Arbeit ist mein Gottesdienst!" So ein Mensch baut auf seine Leistung; er meint, er brauche die Gnade nicht!
Als dieser Sohn bemerkt, dass im Vaterhaus ein Fest gefeiert wird fuer seinen zurueckgekehrten Bruder, da wird er zornig und will nicht hineingehen, um sich mit den anderen zu freuen ueber die Rueckkehr dieses liederlichen Tunichtguts. Er versteht nicht, was im Himmel wichtig ist: nicht grosse Herrscher und maechtige Fuersten, sondern Suender, die Busse tun, die Rueckkehr von Menschen ins Vaterhaus Gottes, damit ihre Namen in den Himmeln geschrieben sind.
Aber dieser Bruder wollte nicht ins Haus. Er wollte das Wort Gnade nicht hoeren; es gibt auch heute Menschen, die dieses Wort nicht schaetzen, die es vermeiden oder es gar ersetzen. Manche druecken ihre Abneigung gegen die Gnade sogar mit einem Bibelwort aus: "Glaube ohne Werke ist tot"; sie sehen nicht, dass der juengere Sohn nicht ohne Werke blieb, nachdem er zurueckgekehrt war; doch Busse und Rueckkehr sind nicht an vorausgehende Werke gebunden, sondern an Glaube und Gnade; die Werke folgen dann aus dem Glauben heraus!
Doch der aeltere Sohn freute sich nicht ueber die Gnade; er war auch nicht froh darueber, staendig beim Vater geblieben zu sein. Seine Vorwuerfe an den Vater zeigen seine Erbitterung; sie zeigen keine Freude ueber den eigenen Zustand. Sein Vater kam heraus, um ihn ins Haus zu bitten; die Liebe des Vaters umfasst auch ihn und bittet ihn! Aber er ist zornig! Er spricht den Vater nicht einmal mit Vater an, sondern haelt ihm vor, was, dieser dein Sohn - nicht etwa mein Bruder - getan hat, er verweist auf dessen unmoralischen und verschwenderischen Lebenswandel und auf seinen eigenen Fleiss und seine bestaendige Leistungsbereitschaft, verweist darauf, nie das Gebot des Vaters uebertreten zu haben.
Im Grunde klagt er den Vater an. Er sagt nicht wie Paulus: "Ich bin der groesste aller Suender"; nein, der aeltere Sohn sagt: "Du hast mir nie einen Bock gegeben"; ein in Gnade angenommenes wiedergeborenes Kind Gottes dagegen sagt: "Du hast mir in Jesus alles gegeben!"
Auch heute gibt es Menschen, die Gott anklagen, ihn auch Gott, Herrgott, Jahwe, Jehova nennen, die aber das Wort Vater kaum ueber ihre Lippen bringen, ja die nicht einmal das Gebet unseres Herrn, das »Vater unser« sprechen. Sie sollten sich die Frage stellen, warum! Sind sie nach Hause zurueckgekehrte wiedergeborene Kinder Gottes? Auf jeden Fall bittet der Vater auch den aelteren Sohn ins Haus der Familie Gottes zu kommen; Jesus bittet die Fuehrer der Juden, er bittet heute die Frommen, Selbstgerechten, Von-sich-selbst-Ueberzeugten, welche die »richtige Religion« haben, alle die glauben, Ansprueche stellen zu duerfen. Er, der ueber Cherubim und Seraphim gebietet, er bittet!
Der Sohn dagegen ist nicht froehlich, nicht guten Mutes; warum? Weil er sich gegen den Willen und die Absichten des Vaters sperrt! Er moechte sich in seiner eigenen erworbenen Gerechtigkeit behaupten, moechte besser sein als sein Bruder! So wie manche sagen: "Ich glaube an das Loesegeld Christi, aber ... man muss doch etwas tun, seine eigene Rettung erarbeiten, nicht jedem die Gnade geradezu nachwerfen!"
Ich hoerte einmal eine fleissige Zeugin Jehovas ueber Ausgeschlossene sagen: "Ich habe mein Leben lang fuer meinen Glauben gearbeitet, alles eingesetzt, und diese kommen vielleicht kurz vor Harmagedon zurueck und sollen dann gerettet werden wie ich, das gleiche empfangen; das waere doch nicht fair, einfach nicht gerecht!". Der Vater aber fordert den Sohn im Gleichnis auf: Freue dich doch, man muss sich doch freuen: Dein Bruder ist lebendig geworden, wurde gefunden! Sieh doch die Gnade Gottes richtig! Sie macht Tote lebendig, findet das Verlorene!
Schluss
Die Geschichte geht nicht zu Ende; Jesus laesst den Schluss offen; er ueberlaesst es den juedischen Fuehrern, ob sie in das Haus der Gnade Gottes eintreten und sich mit den zurueckgekehrten Suendern und Zoellnern freuen wollen. Die Geschichte zeigt: Sie wollten nicht! Sie brachten den Ueberbringer der Gnade ums Leben.
Auch fuer uns heute ist die Geschichte offen. Nochmals: Der Einwand, Glaube ohne Werke sei tot, greift hier nicht, weil davon ausgegangen werden darf, ja muss, dass der zurueckgekehrte Sohn nun auch Werke des Glaubens hervorbrachte; jedoch erst nach seiner Rueckkehr! Er durfte zurueckkehren, wie er war, und wurde mit seinem Bekenntnis im Glauben angenommen in Gnade. Er brauchte keine Werke, um heimkehren zu duerfen; doch Liebe und Dankbarkeit bewegen jedes Kind Gottes zu Werken des Lobpreises Gottes.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Der aeltere Sohn wie auch Menschen, die ihm heute aehneln, muessen sich entscheiden, ob sie das Gnadenhaus des Vaters betreten wollen, um sich mit jedem, der zurueckkehrt, zu freuen. Vor allem aber muessen sie erkennen, dass auch sie der Gnade beduerfen, weil sie bei allen guten Werken, die sie verrichten moegen, nicht aus eigener Kraft, nicht aus eigener Gerechtigkeit vor Gott stehen koennen, doch jeder, der die durch Christi Tod uns geschenkte Gerechtigkeit im Glauben annimmt, darf allezeit im Hause Gottes sein, als Gottes Kind und Glied seiner Familie. Mit dem fehlenden Schluss stellt Jesus an jeden von uns die Frage: Wie willst du es nun halten? Tust du den letzten Schritt ins Vaterhaus oder tust du ihn nicht? Ich wuensche jedem Leser die rechte Entscheidung!