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Bildung contra Gottesglauben?

von Unbekannt

Die Einstellung der Jehovah's Witnesses

Im Wachtturm vom 15. April 2008 veroeffentlichte die Wachtturm-Gesellschaft fuer ihre Glaeubigen einen Artikel ueber Wertloses, das man entschieden von sich weisen solle. Fuer aussenstehende Leser sicher ueberraschend zaehlt auch die Bildung zu den wertlosen Dingen; zwar nicht grundsaetzlich, sondern vielmehr von einem gewissen Niveau ab.

Es wird gesagt, dass sie etwas Nuetzliches sei, das zu etwas Wertlosem werden koenne. Gewiss, ein gewisses Mass an Bildung benoetigt sogar die leitende Koerperschaft der Jehovah's Witnesses bei ihren Mitgliedern! Lesen zum Beispiel sollten sie schon koennen, denn was sollten die Jehovah's Witnesses sonst mit den Druckerzeugnissen der Organisation machen? Aber sehr schnell wird dann Bildung zu etwas Wertlosem. Der Wachtturm sagt auf Seite 4, Absatz 10: "Wie steht es damit, an einer Hochschule oder Universitaet hoehere Bildung zu erwerben? ... Das ist einer Verschwendung wertvoller Jugendjahre, die man am besten im Dienst fuer Jehova [gemeint ist die Organisation! Der Verfasser] haette einsetzen koennen ... Ist es nur ein Zufall, wenn in Laendern mit vielen Akademikern der Gottesglaube einen absoluten Tiefstand erreicht hat?"

Gottesglaube auf verlorenem Posten?

Dieses letzte Argument scheint vordergruendig zutreffend zu sein. In der westlichen saekularisierten Welt ist der Gottesglaube nur noch bei einer Minderheit anzutreffen. Aber hat daran die Bildung Schuld? Oder steckt in dieser Argumentation nicht eher die Tendenz, die in allen autoritaeren oder gar totalitaeren Strukturen zu finden ist, dass Menschen mit geringer Bildung leichter zu handhaben, zu lenken und zu leiten sind? Dient nicht auch in solchen Systemen die als "Schutz" deklarierte Informationsbeschraenkung dem gleichen Zweck, der Herbeifuehrung einer Abhaengigkeit vom System?

Geht es der Watchtower Society um den Gottesglauben?

Ich erinnere mich, dass ein Hitler versuchte, die gebildete Schicht in Polen auszurotten; er beabsichtigte, das polnische Volk wie eine Horde von Sklaven zu behandeln, ihre Bildung auf ein Mindestmass zu beschraenken. - So wurde damals gesagt, es genuegten Rechenkenntnisse bis 500, um damit jegliche geistige Kritik- und Entscheidungsfaehigkeit zu verhindern.

Gab es nicht auch im Mittelalter Stimmen, die sich darueber freuten und es fuer nuetzlich hielten, dass die Bibel nicht in der Volkssprache erhaeltlich war und allgemein verbreitet wurde, weil die Menschen so leichter zu leiten waren? Stimmte nicht eher die Gleichung "je ungebildeter = je abhaengiger"? Wo ist der Unterschied zwischen den so genannten "blauen Ameisen" Mao Tse-tungs und den "Heuschrecken" der leitenden Koerperschaft? Worauf laeuft es hinaus, wenn auf Seite 6, Absatz 17 gesagt wird: "Abtruennige aeussern ebenfalls wertlose Worte, wenn sie behaupten, ueber groessere Weisheit zu verfuegen als der von Gott eingesetzte faithful and discreet slave" oder auf Seite 11, Absatz 18 unter dem Zwischenthema "Wie leitet uns Jehova?": "Die bedeutendste Rolle spielt dabei der faithful and discreet slave mit seiner leitenden Koerperschaft" (also wohl nicht mehr Gottes Wort oder gar Gottes Geist)! Alles muss zuerst durch den Sklaven gefiltert werden.

Hier ist Tendenz und Absicht eindeutig zu erkennen: Abhaengigkeit von dieser Organisation, Anerkennung dieser Organisation, Unterwerfung unter diese Organisation!

Bildung als Zerstoererin des Gottesglaubens?

Doch zurueck zu der Eingangsbehauptung! Ist hoehere Bildung ursaechlich fuer den Rueckgang des Gottesglaubens? Wird das auch etwa bestaetigt durch die zahlreichen Zeugen, welche die Organisation verlassen und danach auch ihren Gottesglauben ueber Bord werfen? Ist zum Beispiel der Gottesglaube in unserem Land proportional zurueckgegangen zur steigenden Zahl der Studenten? Ende der vierziger Jahre waren es etwa 5% der Schueler eines Jahrgangs, die Abitur (Matura) machten und damit Hochschulreife hatten (obwohl nicht alle von ihnen Akademiker wurden); heute sind es viel mehr. Ist in diesen 70 Jahren der Gottesglaube entsprechend zurueckgegangen? Man kann es schwerlich messen; doch betrachten wir einmal den geschichtlichen Hintergrund in einem weiteren Rahmen.

Nicht Bildung sondern Opportunitaet

Bei der Argumentation des Wachtturm wird der Eindruck erweckt, als sei die Zeit des Mittelalters und die Neuzeit eine Zeit voller Gottesglaube gewesen. War es so? Als im vierten Jahrhundert Konstantin, der roemische Kaiser, sich seiner Konkurrenten entledigt hatte, wollte er das Christentum als stabilisierendes Element fuer sein Reich benutzen. Die Kraft des Heidentums war schon lange erloschen. Die Christen hatten bis dahin viele Verfolgungen, darunter 10 grosse, ueberstanden, waren mit ihrem Leben fuer ihren Glauben eingetreten und hatten echten Gottesglauben gezeigt. Doch nun wurde das Christentum ploetzlich zur Staatsreligion, zur einzig anerkannten Form der Religion. Es wurde opportun, Christ zu werden, weil es nuetzlich war fuer das Leben und die Karriere.

Also stroemte die Heidenwelt in die christliche Gemeinschaft; ihre heidnischen Braeuche wurden assimiliert, einverleibt. Dazu kamen auch Zwangsbekehrungen. Das, was dabei herauskam, moechte ich an dieser Stelle - zum Unterschied vom echten Gottesglauben nach der christlichen, biblischen Lehre - hier Religiositaet nennen. Der Einfluss der roemischen Kirche nahm zu, besonders, nachdem das roemische Kaisertum in den Stuermen der Voelkerwanderung untergegangen war. Jetzt war es unter Umstaenden sogar gefaehrlich, nicht religioes und dadurch systemabhaengig zu sein; es gab Ketzerverfolgungen und Autodafés, Ketzer- und Inquisitionsgerichte. Das foerderte die Religiositaet; foerderte das aber auch den echten Gottesglauben? Ich denke, dass es auch damals echten Gottesglauben gab, aber unter dem Dunst, dem Nebel, der Huelle der allgemeinen und allgegenwaertigen Religiositaet war er genau so selten - und kostbar - wie heute. Uebrigens gibt es auch heute noch Gegenden in der Welt, wo diese Religiositaet noch stark vertreten ist. Gewiss gibt es dort auch echten Gottesglauben. Aber man darf beides nicht gleichsetzen.

Glaube und Wissenschaft

Ein Mittel, diese Religiositaet aufrechtzuerhalten, war sicher der Mangel an Bildung und Information. Die roemische Kirche ging damals so weit, dass sie Glaube und Wissenschaft zu einem scheinbaren Gegensatz hochstilisierte - besonders von der Zeit des Kopernikus und Galileis an, und sie hat heute noch an dieser Hypothek zu tragen, auch wenn sie bemueht ist, sie abzubauen, und es gibt auch heute noch Menschen, die meinen, Glaube und Wissenschaft seien Gegensaetze. Doch wenn ein Schoepfer existiert, was die Bibel eindeutig behauptet, dann kann in den Naturgesetzen, die er schuf, kein Gegensatz zum Glauben an ihn liegen.

Religiositaet ist nicht Glaube

Doch das waere ein Thema fuer sich. Jedenfalls kamen in der Neuzeit einige Dinge zusammen: Reformation, Buchdruck, Renaissance mit der Wertschaetzung der Bildungsideale der Antike, Universitaeten, humanistisches Gedankengut, Informationsvielfalt usw.. Das trug tatsaechlich zu einem Rueckgang bei, aber nicht - von sicher moeglichen Einzelfaellen abgesehen - zu einem Rueckgang des Gottesglaubens, sondern zu einem Rueckgang, einer Auflichtung dieser ueberlagernden Wolke von Religiositaet. Man wurde kirchenkritisch. Man stellte Fragen, suchte Antworten, wurde den religioesen (aber auch manchen anderen) Autoritaeten unbequem. Daran konnte auch eine Gegenreformation im Grunde nichts aendern. Ploetzlich sah man, dass der echte Gottesglaube nur die Ueberzeugung von einer Minderheit war. Aber das war er immer gewesen. Man war religioes, so lange es nuetzte (schoen geschildert hat das Ludwig Thoma in seinem "Landtagsabgeordneter Filser").

Kuenstlicher Gegensatz

Es gibt das auch heute noch, wo immer Religiositaet nuetzt. Aber es trifft zu, dass in der westlichen Welt diese Religiositaet stark zurueckging. Der Glaube in religioese Systeme ging zurueck. Echter und systemunabhaengiger Gottesglaube, ein Glaube, der sich auf Gott und seinen Sohn Jesus Christus stuetzte, auf sein Wort, der war auch vorher schon spaerlich verbreitet und ist es heute noch. Doch der Wachtturm versucht hier, Bildung in den Gegensatz zu bringen zum Gottesglauben, weil er fuerchten muss, dass Bildung die gleiche Wirkung beim theokratischen System hervorruft wie in den anderen, naemlich Systemkritik und Systemunabhaengigkeit; und das kann ein autoritaerer Sklave nicht brauchen. Das scheut er wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb muss er den Anfaengen wehren!

Auch in der Organisation der Zeugen ist die religioese Systemabhaengigkeit weit verbreitet; wohin sollen wir denn gehen, heisst es oft (und das ist kein Zitat der Worte von Petrus an Jesus). Man meint, ein System zu brauchen. Natuerlich suchen Christen Gemeinschaft mit Glaeubigen; das ist nicht nur legitim, sondern sogar sehr wichtig. Aber das bedeutet nicht Glaubensabhaengigkeit. Totalitaere Systeme dagegen wuenschen Abhaengigkeit. Und das laesst sie hoehere Bildung und Information fuerchten. Warum wird in den Versammlungen der Zeugen in aller Regel nur die Neue-Welt-Uebersetzung benutzt? Wenn jemand eine andere Uebersetzung gebraucht, ja nur darin liest, faellt das sehr auf; ich bin selbst da schon oft angesprochen worden. Warum werden in den Versammlungen als Dokumentation oder Quellenmaterial nur Schriften der Wachtturm-Gesellschaft angefuehrt? Die Gruende dafuer sind doch offensichtlich. In der besonders fuer Lehrer herausgegebenen Broschuere "Jehovas Zeugen und die Schule" wird behauptet, in jeder Versammlung der Zeugen gaebe es eine Bibliothek. Doch schau dir einmal eine solche - in der Regel unbenutzte - Bibliothek an, was du darin findest! Bibliothek? Die Absicht ist offensichtlich.

Die Wirklichkeit im Menschen

Ich hatte gestern Gelegenheit, mit einem ehemaligen Zeugen zu sprechen, dessen Vater nach wie vor ueberzeugter Zeuge und Glied des Zweigbueros in Serbien/Mazedonien ist. Er selbst wuchs als Kind von Zeugen auf, war sich aber nach seinen Worten schon mit sieben Jahren klar darueber, dass er, sobald er erwachsen sein wuerde, diese Gemeinschaft verlassen wuerde. Seine Bildung hatte nicht Schuld an seiner Entscheidung; er hat auch nicht seinen Glauben verloren, denn man kann nichts verlieren, was man nie hatte. Und so gibt es viele Menschen, die ihre Bildung - oder auch die Wissenschaft - nur benutzen, um ihre Interessenlosigkeit und ihren fehlenden Glauben damit zu begruenden; aber sie hatten sich nie ernsthaft mit Glauben auseinandergesetzt; das interessierte sie gar nicht. Sie waeren auch ungebildet genau so glaubenslos, sie waeren hoechstens religioes, wenn sich dies ihnen als nuetzlich erwiese.

Doch einem autoritaeren System ist das nicht wichtig; so lange jemand sich unterwirft, mag er innerlich glaubenslos sein oder nicht; so lange er den Weisungen der leitenden Koerperschaft gehorcht, gilt er als Bruder oder sie als Schwester; geht jemand weg, dann hat er eben seinen Glauben verloren (welchen?); gefaehrlich und zu bekaempfen, zu verteufeln sind jene Weggehenden, die dennoch ihren echten Glauben an Gott, seinen Sohn und sein Wort bewahren, unabhaengig vom System des faithful and discreet slave. Das ist gefaehrlich; hier muss dagegen vorgegangen werden, und man kann in fast jedem internen Wachtturm die Autoritaetsansprueche und auch die Selbstbeweihraeucherung des Sklaven nachlesen wie auch Aeusserungen ueber solche glaeubige Abtruennige.

Kein Wunder, dass die leitende Koerperschaft hoehere Bildung ablehnt; doch nicht, weil echter Gottesglaube, wenn ueberhaupt vorhanden, dadurch verloren geht, sondern weil der theokratische religioese Nebel vom Licht des Wortes Gottes vertrieben wird, weil dadurch das Licht Jesu leuchtet, von dem er zu seinen Juengern sagte: "Ihr seid das Licht der Welt". Religioesen Nebel gab es damals und gibt es heute immer noch, und man kann nur hoffen, dass er durch Bildung und Information immer mehr zurueckgeht.


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© R. Hentschel ♦ Released: 12.06.2008 ♦ Print versionLinks to other web sites